Lauter Geisterfahrer

Martin Ganteföhr
5 min readNov 28, 2018

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Wie viel Open World geht eigentlich? Ein Selbstversuch

Als der Tag anbricht, kommt mein Vater ins Zimmer, ein Ruck, Sonnenlicht fällt durch die Öffnungen der Jalousie, und mein erster Gedanke ist, hoffentlich leben sie noch. Ich poltere die Treppe hinunter, bin mit zwei Schritten draußen bei der Garage, dort steht die Schubkarre mit Wasser, gestern habe ich vier kleine Fische gefangen im Graben hinterm Haus und sie hier eingesetzt, warum, weil man das tun kann in dieser Welt.

Die Fische sind wohlauf. Norman sagt, ihr Anblick erinnere ihn an Arme, die in eine Teigmaschine geraten, aber was weiß denn Norman, ich habe Futter besorgt, klopfe die Flocken ins Wasser, und bevor ich ins Haus gehe, trete ich noch einmal in den Hof und betrachte die Umgebung.

Ich stehe in einer Siedlung aus Einfamilienhäusern, vor den Garagen parken Autos mit deutschen Kennzeichen. Am Ende der Straße ein Kaufladen, dann kommt die Einbiegung zur Bundesstraße, und im Hintergrund öffnet sich eine sanfte Landschaft, dunkel bewaldete Hügel, sie heißen Wiehengebirge. Es ist eine Welt in Super 8, entsättigt und sentimental.

Bonner Republik der Siebziger, Open World verkleinert auf die westfälische Provinz. Hier riecht es nach Haarwasser und Gülle, im Sommer wehen Delial-Sonnenschirme über die Liegewiesen des Freibads, im Winter sitzen die Menschen eingeschlossen von Schnee auf den Autobahnen und warten auf die Räumpanzer der Bundeswehr. Diese Matrix verlässt man nur im Fluchtwagen oder per Uplink aus der Telefonzelle, vorausgesetzt, man hat Zehnpfennigstücke, die nicht durchfallen.

Wenn man bleibt, kann man sich zu Fuß auf den Weg machen, vom Freund auf der anderen Bergseite zurück nach Haus, durch den Wald. Es wird dann Nacht, man stößt im Stichdunklen auf einen Fremden, erschrickt getrennt zu Tode, lacht gemeinsam die Angst weg, begegnet Frischlingen, weiß, eine Bache ist nah, lauf, Martin, lauf, bis der Wald sich lichtet und am Fuße des Bergs die Häuser der Siedlung liegen, kümmerlich, planlos verstreut.

Man kann Auto fahren in dieser Welt, aber dafür braucht man einen Erwachsenen. Vor der Tür stehen ein K70 und ein Käfer, beide in schlechtem Zustand, also cool, der Hintern klebt am Kunstleder, durch die Rostlöcher sieht man den Asphalt davongleiten und weiß, wir sind unterwegs. Selten kann man das Ziel der Fahrten bestimmen. Sohnemann, wir fahren zu den Großeltern, basta, sie wohnen am Rand der Map, das Radio meldet einen Geisterfahrer auf der Autobahn, wieso einer, hunderte, so heißt der Witz dazu.

Diese Reisen sind Zwang, Design on rails, aber am Ziel entschädigen mich die Exploratorien der Häuser, die Dachböden und Keller. Jede Schublade ist ein Gewirr aus Schätzen und rätselhaften Gegenständen, alle frei rotierbar, Lineale, Stifte, Banknoten untergegangener Systeme. Eine Taschenuhr für dreißig Jahre Betriebszugehörigkeit, kaputt, ein Abzeichen der NSDAP, nie weggeworfen.

Wenn ich heimkomme in dieser Welt, gehe ich in mein Zimmer, denn es ist Schlafenszeit. Zähneputzen, Schlafanzug, Gutnacht, dann senken sich die Elemente der Jalousie wie die Schotts eines Panikraums. Das Zimmer wird tiefschwarz und still, die Kinderphantasie rendert Silhouetten, um sie wegzuschlafen, muss ich die Augen schließen, und für den Notfall immer wissen, wo der Lichtschalter ist. Ich wache auf, weil ich pinkeln muss. Escape the room, der Weg ist eine Aufgabe für die mentale Kartenbildung, neben der Tür ist der Schalter, aber wo ist die Tür? Aufstehen, anstoßen, Schmerz, runter auf alle Viere, falsche Richtung, umhertasten, rumeiern, bis es nicht mehr vorwärts geht und nicht zurück.

Man kann jetzt verzweifeln, sich in die Hose machen und weinen. Oder man meistert die Challenge, findet den Schalter, dann blickt man auf die grelle Wirklichkeit des Zimmers, ausgelacht von den eigenen Stofftieren. Norman sagt, ihn erinnere das an einen Mann, der vor den Augen seiner Frau erschossen wird, aber es kommt immer ein neuer Tag, und es gibt so viel zu tun.

Zum Beispiel kann man etwas kaufen, das überschreibt jede Erniedrigung. Bestimmt wird mein Vater heute sagen, geh mal Brötchen holen, Martin, wir beide fahren morgen in Urlaub, und falls er das nicht sagt, gehe ich eben trotzdem, kaufe mir selbst etwas, Süßigkeiten, zehn Pfund.

In der Glastür des Ladens hängt ein Plakat, Vorsicht Schusswaffen, anarchistische Gewalttäter. Norman freut sich. Der Steckbrief, sagt er, verspricht Gameplay und Tiefe, bestimmt kann man in dieser Welt einen Limousinenkonvoi überfallen, die Begleitfahrzeuge zersieben, jemanden entführen und exekutieren, oder eben die Täter jagen, sie isolieren, künstlich ernähren und schließlich beerdigen, je nachdem, wie man persönlich so disponiert ist. Ich kaufe Brötchen und gehe nach Hause, denn morgen fahren wir vielleicht in Urlaub, nur mein Vater und ich.

Am nächsten Tag sind wir tatsächlich im Wagen, mein Hintern klebt ganz richtig am Sitz, und doch weiß ich, es wird eine andere Reise. Wir sprechen nicht viel, was soll man auch sagen. Die Polizeikontrolle auf der Landstraße kann uns nicht aufhalten, wozu sie stattfindet, ist ohnehin eine falsche Frage, die Beamten haben Maschinenpistolen, und damit ist alles erklärt. Wortlos reicht mein Vater die Papiere aus dem Seitenfenster, Kofferraum öffnen, noch ein bisschen Schikane, Verbandskasten, Warndreieck, dann weiterfahren.

Endlose Bundesstraßen. Felder, manchmal Siedlungen, Kleinstädte, über all das senkt sich die Nacht. Ich zähle die Mittelstreifen der Fahrbahn, das Radio überträgt verschlüsselte Botschaften, zwischen den Anschlussstellen, in den oberen Kammlagen, Südwest bis West, fünf bis sechs.

Als ich aufwache, ist mein Vater fort. Ich sitze selbst am Steuer. Die Sonne steht anders, die Straßen sind breiter, die Bäume höher. Wir sind weit gefahren, sehr weit.

Dies ist eine neue Welt. Schluss mit Super 8, aber die Sonne scheint, und im Radio dudelt ein Lieblingssender. Ich lenke den Wagen raus aufs Land, die Landschaft lockert auf, dann liegt links eine schroffe Küste aus Sandstein, und dahinter das Meer. Ich will jetzt anhalten, da vorn ist ein Anwesen, es sieht einladend aus, malerisch und friedlich. Ich parke, zwei Gärtner pflanzen Blumen, ich halte Abstand, gehe zur Klippe und blicke hinaus auf den Ozean.

Ich habe nicht angefangen, so viel steht fest.

Aber ja, ich habe die Gärtner erschossen. Sie waren aggressiv und ich bewaffnet, ganz schlechte Kombi, auch Notwehr, natürlich hätte ich auf die Polizei warten müssen, aber alles ging so schnell, und dann bin ich schon wieder auf der Stadtautobahn, verfolgt von Sirenen, Geisterfahrer, hunderte, ich bin verwirrt, wütend, angewidert, lebensenttäuscht, denn sie, diese Gärtner, haben den Moment am Meer ruiniert, in dem ich habe Abschied nehmen wollen von meinem Vater, der seit heute früh nicht mehr am Steuer sitzt. Ich möchte, dass das so ins Protokoll kommt.

Im Protokoll wird auch stehen, dass ich gerade bei einem zufälligen Gebäude in der Stadt vorfahre, bereits auf dem Weg zum Dach ein Massaker anrichte, mich oben verschanze, und auf die eintreffenden Streifenwagen feuere, bis die Munition alle ist. Das Protokoll ist aber falsch. Norman saß auf dem Rücksitz, er hat das Steuer übernommen, er hat alle diese Dinge getan, warum, weil man sie tun kann in dieser Welt. Ich möchte mich jetzt waschen, Officer, heiß duschen und gurgeln mit scharfem Zeug.

Die Fische, ganz vergessen, sind gestorben in der Schubkarre. Sie brauchten Sauerstoff, das hat mein Vater mir gestern auf der Fahrt erklärt. Ein Kind kann das natürlich nicht wissen. Ich hätte sie im Graben lassen sollen, sie wären in einen Fluss geschwommen oder in einen See, irgendwohin, raus ins Freie.

Martin Ganteföhr, Interactive Writer & Designer, Ostwestfale, spielt LSD: Dream Emulator, GTA V, und liest über die erste Psychopathen-AI der Welt. Dieser Text erschien zuerst in WASD, Indie-Bookazine für Gameskultur #14, 11/2018, als Eröffnungstext der Kolumne “Dreizehnter Stock”, die er von nun an regelmäßig schreibt. (wasd-magazin.de)

(Bild: Nettelstedt, Kreis Minden-Lübbecke. Wikimedia Commons, Manfred & Barbara Aulbach , CC BY-SA 3.0)

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Martin Ganteföhr

Martin Ganteföhr ist seit zwei Jahrzehnten als Designer, Autor und Dozent für interaktive Medien tätig. Er ist Professor der HBK Essen. (gantefoehr.com)